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Kinderbetreuung darf nicht auf dem Rücken der Familien ausgetragen werden

Erstellt von Red | Bad Reichenhall

Veranstaltung mit Julia Post, MdL, über die Themen Kinderbetreuung, Bildung und Wohnraum: Grüne in Bayerisch Gmain/Bad Reichenhall setzen auf konkrete Lösungen vor Ort

 

 

Zahlreiche Gäste, darunter Eltern, pädagogische Fachkräfte sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Erzieher- und Lehrerschaft, folgten der Einladung des Grünen Ortsverbands Bad Reichenhall zur Diskussionsveranstaltung in Hohenfried, wo sie von Marit Kennett und Anna Neubauer herzlich begrüßt wurden. Im Mittelpunkt stand ein Thema, das Familien, Kommunen und Betriebe gleichermaßen bewegt: verlässliche Kinderbetreuung und gute Rahmenbedingungen für frühkindliche Bildung.

 

Moderiert wurde der Nachmittag von Ulrike Schweiger, Kreisvorsitzende und Bürgermeisterkandidatin für Freilassing. Für sie ist das Thema auch persönlich prägend: „Ich bin 2018 den Grünen beigetreten, weil sie als einzige Partei die Unterstützung von Alleinerziehenden, gute Kinderbetreuung und echte Frauenpolitik konsequent im Programm hatten. Wer Familie stärkt, stärkt unsere gesamte Gesellschaft.“

 

Schweiger betonte, dass die Kommunalwahl in diesem Jahr auf den Weltfrauentag fällt: „Wir brauchen mehr Frauen in der Kommunalpolitik – mehr Perspektiven, mehr Realitätssinn, mehr gemeinsame Verantwortung von Männern und Frauen. Zukunft entsteht nicht einseitig.“

 

Kinderbetreuung darf nicht auf dem Rücken der Familien ausgetragen werden

Landratskandidat Bartl Wimmer machte deutlich, dass Kinderbetreuung zwar in der Verantwortung der Städte und Gemeinden liege, jedoch nur im Zusammenspiel aller Ebenen funktioniere. In den vergangenen Jahren sei im Landkreis viel investiert worden, etwa in die Sanierung bestehender Einrichtungen. Gleichzeitig verschärfe sich jedoch die finanzielle Lage dramatisch.

 

Der Landkreis befinde sich in einer äußerst schwierigen finanziellen Situation. „Die Lage hat sich deutlich verschlechtert. Wir haben einen erheblichen Schuldenberg, einen Investitionsstau, hohe Defizite aus dem Klinikbereich – und gleichzeitig explodierende Kosten in der Jugendhilfe“, so Wimmer. Wir müssen deshalb stärker in Prävention und in sozialraumorientierte Konzepte investieren. Es ist wirtschaftlich und gesellschaftlich sinnvoller, frühzeitig zu unterstützen, statt später immense Summen für Einzelfälle aufzubringen.“

 

Kritisch sieht Wimmer zudem einen zunehmenden Wettbewerb zwischen Kommunen um Fachkräfte: „Wenn Einrichtungen am Freitagmittag schließen, ist das für Familien im Gesundheitswesen oder in der Gastronomie kaum vereinbar. Das darf nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden.“

 

Hier setzt die sozialraumorientierte Arbeit an: Wimmer nannte als positives Beispiel die Caritas in Rosenheim: „Sozialraumorientierung bedeutet, dass soziale Arbeit und kommunale Planung konsequent am Lebensumfeld der Menschen ausgerichtet sind. Es geht nicht darum, Angebote von oben herab zu steuern, sondern den Sozialraum – also das Quartier, die Gemeinde, das Umfeld, in dem Menschen leben, lernen und arbeiten – als lebendigen Ort zu verstehen, an dem alle zusammenarbeiten.“

 

Wimmer betonte: „Genau hier liegt unsere Chance für das Berchtesgadener Land. Wenn wir die lokalen Strukturen stärken, frühzeitig präventiv arbeiten und die Kräfte vor Ort bündeln, können wir stabile Angebote schaffen – für Kinder, Jugendliche und Familien. Sozialraumorientierung ist kein Verwaltungstrick, sondern ein Weg, wirksame, nachhaltige und gerechte Lösungen zu entwickeln.“

 

Wohnraum ist eine Zukunftsfrage

Ein weiteres zentrales Thema war der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Grundlage ist die Sozialraumanalyse des Landkreises. Das Fazit ist eindeutig: Der Bedarf ist hoch – regional unterschiedlich, aber überall spürbar. Und die Entwicklung ist absehbar. „Das Ergebnis der Sozialraumanalyse wird sich in den nächsten fünf bis sieben Jahren voll auswirken – der Zug fährt bereits. Inhaltlich wissen das alle, aber es ist auf allen Ebenen noch zu wenig passiert“, betonte Wimmer. „Bezahlbarer Wohnraum ist keine soziale Randnotiz, sondern eine zentrale Zukunftsfrage für unseren Wirtschaftsstandort.“

 

Frühkindliche Bildung ist kein Nebenthema

Julia Post, grüne Landtagsabgeordnete, begann ihren Beitrag mit einem aktuellen Bezug: „Wir erleben in Deutschland derzeit die Debatte rund um Arbeitszeit, Work-Life-Balance und Lifestyle-Teilzeit.“ Sie verwies auf das enorme Potenzial gut ausgebildeter Frauen: „Wenn Mütter, die mehr arbeiten möchten, das auch könnten, hätten wir auf einen Schlag hunderttausende zusätzliche Arbeitskräfte. Doch oft stimmen die Rahmenbedingungen schlicht nicht.“

 

Frühkindliche Bildung sei entscheidend für Chancengerechtigkeit: „Ohne gute frühkindliche Förderung werden Kinder bereits in der Grundschule abgehängt. Kita ist ein Bildungsort – nicht nur Betreuung.“

 

Post kritisierte, dass der Freistaat seiner Verantwortung nicht ausreichend nachkomme: „Kommunen bauen Kitas, doch vielerorts können sie nicht öffnen, weil Fachkräfte fehlen. Für Ausbildung und Rahmenbedingungen ist das Land zuständig.“ Sie forderte unter anderem eine ausreichende Freistellung von Kitaleitungen für Führungsaufgaben sowie bessere Arbeitsbedingungen mit kleineren Gruppen. „Viele Fachkräfte steigen nach wenigen Jahren wieder aus. Wir brauchen attraktive Bedingungen, damit Qualität bleibt.“

 

Ein zentrales Thema der Diskussion war zudem die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. In Freilassing existiert eine Fachakademie, die derzeit im zweiten Ausbildungszug nur acht Schülerinnen zählt. „Die Ausbildung muss noch weitgehend selbst finanziert werden, das hält viele ab. Quereinsteigerinnen werden zwar gefördert, haben jedoch weniger Praxiszeit – bekommen danach aber in etwa das gleiche Gehalt wie ausgebildete Erzieherinnen nach fünfjähriger Ausbildung, was die Qualität mindert“, erläuterte Post. Eine nachhaltige Verbesserung der Kita-Infrastruktur sei nur möglich, wenn Ausbildung, Fachkräftegewinnung und Arbeitsbedingungen Hand in Hand gehen.

 

Auch die kurzfristige Streichung von Familien- und Krippengeld ohne Übergangsregelung untergrabe Vertrauen: „So geht man nicht mit Familien um.“

 

Pragmatische Lösungen für den ländlichen Raum

In der Diskussion wurde deutlich, wie stark steigende Personalkosten und Klinikdefizite die kommunalen Haushalte belasten. Gleichzeitig braucht es aktive Strategien zur Personalgewinnung, gezielte Teilzeitmodelle und engagierte Kitaleitungen in enger Zusammenarbeit mit den Gemeinden.

 

Alternative Konzepte wie Natur- oder Waldkindergärten wurden als pragmatische Ergänzung für den ländlichen Raum diskutiert. Zudem warb Wimmer für betriebliche Kinderbetreuung: „Ein Betriebskindergarten ist eine der besten Investitionen zur Fachkräftesicherung. Hier sind auch unsere Unternehmen gefragt.“

 

Der Nachmittag zeigte: Gute Kinderbetreuung, starke Kommunen und bezahlbarer Wohnraum hängen eng zusammen – im engen Schulterschluss zwischen Gemeinden, Landkreis und Land.

 

Zum Abschluss machte Bartl Wimmer deutlich: „Wir stehen vor großen finanziellen und strukturellen Herausforderungen. Aber Nichtstun ist keine Option. Wenn wir jetzt klug investieren – in Bildung, in Prävention und in bezahlbaren Wohnraum –, sichern wir die Zukunft unseres Landkreises.“

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