Bezahlbarer Wohnraum ist keine Randnotiz, sondern eine zentrale Zukunftsfrage
Grüne diskutierten mit Bürgerinnen und Bürgern über die Zukunft der Gemeinde Bischofswiesen
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung des Grünen-Ortsverbands in den Kulturhof Stanggass, um über die Zukunft von Bischofswiesen zu diskutieren. Die Themen Wohnraum, bezahlbares Wohnen und die ehemalige Kurklinik Stanggass standen dabei im Mittelpunkt.
Michael Sturm, Bürgermeisterkandidat von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, stellte seine Vision für die Gemeinde vor: „Ich sehe mich als Lebensgrundlagenschützer – mein Ziel ist es, Bischofswiesen fit für die Klimafolgen zu machen, vom Starkregen bis zur Hitzeperiode.“ Praktische Maßnahmen wie Baumbeschattung, Trinkbrunnen und Photovoltaikprojekte sollen die Gemeinde widerstandsfähiger machen. Auch die Förderung von Balkonkraftwerken für Mieterinnen und Mieter sowie die schrittweise Umstellung der kommunalen Fahrzeugflotte auf E-Mobilität gehören dazu.
Der Ortskern und die Mobilität liegen Sturm besonders am Herzen. Der Ausbau von Radwegen, Carsharing-Angeboten und der geplante Bahnhaltepunkt in Winkl sollen den Alltag erleichtern. Beim bezahlbaren Wohnen setzt er auf Neubauten, Baulücken, Dachgeschossausbauten, Wohnungstauschprogramme und genossenschaftliches Bauen. „Familien sollen Eigenheim oder passende Wohnungen bekommen, ohne sich jahrzehntelang zu verschulden“, so Sturm.
„Mit einer Stimme für die Grünen wählen die Bürgerinnen und Bürger konkrete Maßnahmen, die Bischofswiesen klimafreundlich, lebenswert und sozial stark machen“, betonte Sturm abschließend.
Gastredebeitrag Bartl Wimmer
Mit klaren Worten sprach Landratskandidat Bartl Wimmer über die dramatische Lage am Wohnungsmarkt im Berchtesgadener Land. Zwar finde sich das Ziel „bezahlbarer Wohnraum“ in nahezu allen Wahlprogrammen wieder, doch die Realität sehe anders aus: „Was tatsächlich umgesetzt wurde, ist extrem überschaubar – und wird dem Ernst der Lage in keiner Weise gerecht“, so Wimmer.
Als fundierte Grundlage verwies er auf die Sozialraumanalyse des Landkreises Berchtesgadener Land, die seit 2020 detaillierte Daten zu Demografie, Wohnen, Arbeitsmarkt und sozialen Indikatoren liefert. Die Ergebnisse seien eindeutig: Der Wohnraumbedarf sei regional unterschiedlich, insgesamt jedoch sehr hoch. Besonders alarmierend sei die Prognose, wonach der Region in den kommenden Jahren bis zu 13.000 Arbeitskräfte verloren gehen könnten, wenn weiterhin bezahlbarer Wohnraum fehle.„Schon heute wissen viele Betriebe: Ohne Wohnung lässt sich eine Stelle kaum noch besetzen. Das trifft vor allem kleine und mittlere Unternehmen“, erklärte Wimmer. Bezahlbarer Wohnraum sei deshalb „keine soziale Randnotiz, sondern eine zentrale Zukunftsfrage – wirtschaftlich, sozial und strukturell“.
Deutliche Kritik äußerte Wimmer an der aktuellen Förderpraxis des Freistaats Bayern. Wenn Mittel der einkommensorientierten Förderung (EOF) in erheblichem Umfang von der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft BayernHeim gebunden würden, fehlten sie Kommunen, kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und privaten Bauherren vor Ort. Da der Fördertopf nicht entsprechend aufgestockt werde, würden dringend benötigte Projekte blockiert. „Es ist unverantwortlich, dass Fördermittel, die für Kommunen gedacht sind, dort nicht mehr ankommen“, so Wimmer. Leidtragende seien konkrete Vorhaben wie aktuell das Projekt in der Salzburger Straße in Berchtesgaden.
Am Beispiel des Schwesternwohnheims am ehemaligen Kreisklinikum Berchtesgaden machte Wimmer den akuten Handlungsdruck deutlich. Das vom Markt Berchtesgaden angekaufte Wohnheim mit rund 50 Appartements steht derzeit leer. Als mögliches Vorbild verwies Wimmer auf Modelle aus Polen, bei denen leerstehender Wohnraum zu sehr günstigen Mieten vergeben wird, wenn die Renovierung in Eigenleistung erfolgt. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die öffentliche Hand die grundlegende Infrastruktur sicherstelle. „Die Gemeinde muss dafür sorgen, dass Basisinfrastruktur wie Wasser, Heizung und Dach intakt ist – dann lassen sich solche Modelle sozial, pragmatisch und schnell umsetzen“, so Wimmer. „Wir brauchen diese Mischformen aus sozialem und kommunalem Wohnen in öffentlicher Hand. Dass ein solches Objekt jahrelang verfällt, ist politisch nicht zu rechtfertigen.“
Mit Blick auf die ehemalige Kurklinik Stanggass sprach Wimmer von einem der gravierendsten Versäumnisse der letzten Jahrzehnte. Das seit rund 30 Jahren brachliegende, nahezu vier Hektar große Areal in einer der besten Wohnlagen des Talkessels sei weiterhin für ein Luxushotel vorgesehen – trotz massiven Wohnraumbedarfs. „Man braucht sehr viel Fantasie, um nach all den Jahren noch an ein Luxusresort zu glauben“, sagte Wimmer.
Aus seiner Sicht müsse die Kommune endlich klar Position beziehen: „Wenn wir ein berechtigtes Interesse daran haben, Wohnraum für unsere Bevölkerung zu schaffen, dann müssen wir sagen: Hier kommt kein Hotel hin. Das Grundstück gehört in öffentliche Hand – sei es durch die Gemeinde selbst oder im Zusammenschluss mehrerer Kommunen.“
Darauf aufbauend brauche es ein städtebauliches Gesamtkonzept aus einem Guss, das Wohnen ganzheitlich denkt. So ließe sich dort eine dreistellige Zahl an Wohnungen realisieren – mit Angeboten für sozialen Wohnraum, Mehrgenerationenwohnen und Eigentumserwerb. Letzterer könne zugleich zur Refinanzierung für die Gemeinde beitragen und eine nachhaltige Alternative zu immer neuen Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese schaffen.
Auch beim Neubau eines Zentralklinikums in Bad Reichenhall und der Finanzierung der Kliniken insgesamt forderte Wimmer mehr Klarheit und strategisches Vorgehen. Der Landkreis hält zwar ein Drittel an der KSOB, trägt jedoch aufgrund einer nicht abgestimmten Unterschrift des Landrats einen deutlich höheren finanziellen Anteil. Dennoch habe er dem 94-Millionen-Rettungspaket zugestimmt, um eine Insolvenz der Klinik und den Verlust der medizinischen Versorgung zu verhindern. „Das zu riskieren, wäre Wahnsinn gewesen“, stellte Wimmer klar.
Gleichzeitig betonte er: „Bevor wir über einen Neubau sprechen, brauchen wir ein cleveres und schlüssiges medizinisches Gesamtkonzept. Reichenhall braucht eine durchdachte Notfallversorgung für häufige Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Ich bin bereit, die Ärmel hochzukrempeln – aber wir brauchen kluge Planung statt immer größerer Baustellen ohne klare Richtung.“
Wimmer schloss mit einem deutlichen Appell: „Bezahlbarer Wohnraum und eine verlässliche Daseinsvorsorge fallen nicht vom Himmel – sie sind das Ergebnis klarer politischer Entscheidungen.“