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Körper, Mutterschaft und gesellschaftliche Erwartungen im Fokus

Erstellt von Ulrike Schweiger | Wolfgang Ehrenlechner

Starke Resonanz bei der Lesung der Autorin Bettina Wilpert in Bayerisch Gmain.

 

Viele interessierte Frauen verschiedener Altersgruppen – und ein Mann – folgten der Einladung zur Lesung mit der Leipziger Autorin Bettina Wilpert im Bistro Hohenfried, die aus ihrem 2025 erschienen Roman „Die bärtige Frau“ las. Die Veranstaltung, organisiert vom Arbeitskreis Frauen der Grünen im Landkreis Berchtesgaden, bot einen intimen Rahmen für eine offene Auseinandersetzung mit Themen, die im öffentlichen Diskurs oft unsichtbar bleiben: Schwangerschaft, Geburt und die körperlichen wie emotionalen Realitäten von Mutterschaft. Wilpert, deren Werk literarische Leerstellen aufzeigt – etwa die Abwesenheit von Geburtsdarstellungen in kanonischen Texten von Thomas Mann bis zu religiösen Erzählungen –, betonte: „Geburt wird in unserer Kultur entweder verklärt oder tabuisiert. Dabei ist sie eine der radikalsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann – körperlich, existenziell, gesellschaftlich.“ Ihr Roman bricht dieses Schweigen, indem er Menstruation, Fehlgeburten, Wochenbettdepression oder den Verlust der körperlichen Autonomie thematisiert – Erfahrungen, die Millionen prägen, doch selten literarisch oder politisch verhandelt werden.

Abhängigkeit als Stärke: Ein neues Narrativ für Mutterschaft 
Besonders pointiert diskutierte Wilpert das Spannungsfeld zwischen modernem Autonomieideal und der radikalen Verbundenheit, die Schwangerschaft mit sich bringt: „Wir feiern Unabhängigkeit – finanziell, emotional, sozial. Doch plötzlich ist da ein Leben, das von meinem Körper abhängt. Das ist keine Schwäche, sondern eine andere Form von Macht: die Fähigkeit, Nähe und Hingabe zuzulassen.“ Diese Ambivalenz, so die Autorin, werde in einer Leistungsgesellschaft oft als Versagen gedeutet – dabei sei sie zentral für menschliche Existenz.

Doula-Arbeit: Solidarität statt Bewertung 
Im Anschluss stellte Cynthia, Doula unter anderem mit Schwerpunkt Kinderwunschbegleitung, ihre Arbeit vor. Als „Dienerin der Frau“ (griech. doula) unterstützt sie Schwangere mental und praktisch – von der Geburtsvorbereitung bis zur Kommunikation mit Klinikpersonal. „Viele Frauen wissen nicht genau, was sie sich für ihre Geburt wünschen, und trauen sich nicht, ihre Bedürfnisse zu äußern. Ich unterstützte sie dabei, selbstbewusst herauszufinden, was sie brauchen, um sich sicher und wohl zu fühlen – vom Kinderwunsch bis zur Geburt, damit sie ganz bei sich bleiben können.“ Ihr Ansatz: Solidarität ohne Bewertung, um Frauen in einer Phase größter Verletzlichkeit zu stärken.

Mutterschaft ist politisch 
Für Bündnis 90/Die Grünen war die Veranstaltung ein bewusstes Signal, wie Ulrike Schweiger, Sprecherin des Kreisverband BGL und Mitglied im AK Frauen, klarstellte: „Mütter leisten Unbezahlbares – im Wortsinn. Dass ihre Arbeit weder finanziell anerkannt noch politisch ausreichend repräsentiert wird, zeigt: Gleichberechtigung bleibt eine Illusion, solange wir Care-Arbeit unsichtbar machen.“ Anna Neubauer, Sprecherin des Ortsverband Bayerisch Gmain / Bad Reichenhall und ebenfalls Mitglied im AK Frauen ergänzte: „Kulturveranstaltungen wie diese schaffen Räume für Themen, die in Parlamenten zu selten Gehör finden. Mutterschaft ist kein Privatthema, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.“ Die Lesung machte deutlich: Es braucht mehr öffentliche Debatten über weibliche Körperlichkeit, mehr Solidarität unter Frauen – und eine Politik, die Care-Arbeit endlich wertschätzt. 

 

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