24.04.2016, 17:40 Uhr

30 Jahre Reaktorkatastrophe Tschernobyl: Grüne für schnelleren Atomausstieg

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 30ten Mal. Grund genug für Bündnis 90/Die Grünen im Berchtesgadener Land, sich in einer Kreisversammlung dieses einschneidenden Ereignisses zu erinnern und die richtigen Schlussfolgerungen aus den damaligen dramatischen Vorgängen zu ziehen.

Dr. Markus Büchler zeigte als Referent des Abends eindrucksvolle Dias von der Reaktorkatastrophe und von späteren Besuchen vor Ort. Der Bezirksvorsitzende der Oberbayerischen Grünen hat bereits zweimal diesen Ort des Schreckens, der heute einer Geisterstadt gleicht, besucht.

Büchler erinnerte daran, dass weite Teile der Umgebung von Tschernobyl durch die Reaktorkatastrophe für Jahrtausende unbewohnbar wurden. Rund 350.000 Menschen mussten umgesiedelt werden. Um den Brand des Reaktors zu löschen wurden rund 100.000 Soldaten eingesetzt. Viele von Ihnen bezahlten ihren heldenhaften Kampf gegen das radioaktive Feuer mit dem Tod.

In den Monaten danach waren bis Ende 1986 rund 800.000 sogenannte „Liquidatoren“ im Einsatz, darunter Soldaten und Freiwillige, unter anderem um eine Schutzhülle zu bauen, die einen weiteren Austritt von Radioaktivität aus dem zerborstenen Reaktor bis heute verhindert hat. Dieser sogenannte Sarkophag ist jedoch vom Einsturz bedroht. Deshalb wird bereits seit einigen Jahren an einer Konstruktion gebaut, die den havarierten Meiler für die nächsten Jahrzehnte sichern soll. Über mögliche Todesfälle durch die Reaktorkatastrophe gehen die Angaben weit auseinander, so Büchler. Zuverlässige Zahlen zu nennen sei sehr schwierig, weil es kaum valide Krebsregister gebe. Auch in Deutschland fehle ein solches Krebsregister, um mögliche Krebsfälle nach dem radioaktiven Fallout von vor 30 Jahren erfassen zu können.

Auch auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima, die sich vor kurzem ja zum fünften Mal jährte, ging Büchler in seinem Referat ein. Auch diesen Ort hat er bereits zweimal besucht. Beide Katastrophen sollten Mahnung genug sein, sich von der Atomenergie zu verabschieden. Die beiden Unfälle hätten gezeigt, dass diese Technologie nicht beherrschbar sei. Aber auch die ökonomischen Kosten der Atomenergie wären immens.

Die vermeintlich billige Atomenergie habe sich als mit Abstand teuerste Form der Stromerzeugung herausgestellt. Dabei wären große Teile der endgültigen Kosten noch gar nicht abschätzbar. Büchler erinnerte daran, dass es weltweit noch kein Konzept zur Endlagerung des Atommülls gebe. Für Deutschland gehe man inzwischen davon aus, dass ein Atommüllendlager frühestens im Jahr 2081 zur Verfügung stehe. Es sei noch nicht einmal festgelegt, ob eine oberirdische oder eine unterirdische Endlagerung gewählt werden sollte und wenn man sich für eine unterirdische Endlagerung entscheiden sollte, welche Gesteinsformation am geeignetsten wäre.

Der Anteil der Atomenergie an der Stromerzeugung sinke seit 25 Jahren weltweit. Es würden kaum noch neue Atomkraftwerke gebaut. Und die wenigen, die derzeit gebaut würden, zeichneten sich durch unermessliche Baukostensteigerungen aus. Im britischen Hinkley Point werde derzeit an einem 3200 Megawattmeiler gebaut. Die Baukosten hätten sich von ersten Prognosen von sechs Milliarden € auf inzwischen 44 Milliarden € erhöht. Um den Strom überhaupt absetzen zu können, will die britische Regierung über eine 35-jährige Preisgarantie eine Subvention von sagenhaften 100 Milliarden € gewähren, die letztendlich die Stromverbraucher über überhöhte Strompreise berappen müssten. Und im französischen Flamanville, wo an einem 1600 Megawattreaktor gebaut werde, hätten sich die Baukosten von 3,3 Milliarden € auf inzwischen 11 Milliarden erhöht. Weil sich herausgestellt habe, dass der Druckbehälter defekt ist, sei eine Inbetriebnahme nicht absehbar.

All diese Erfahrungen zeigten, so Büchler abschließend, dass ein schnellerer Ausstieg aus der Atomenergie sowohl ökologisch als auch ökonomisch vernünftig sei. Durch die Fertigstellung der Thüringer Strombrücke sei beispielsweise das Atomkraftwerk Gundremmingen für die Stromversorgung Bayerns nicht mehr nötig. Jeder Tag, an dem Gundremmingen früher abgeschaltet werde, senke die Kosten für die Atommülllagerung und minimiere das Unfallrisiko für die Bevölkerung.

Die Energiewende müsse unbedingt entschlossen und zügig umgesetzt werden. Er habe aber Zweifel, ob die Bundesregierung und die Bayerische Staatsregierung dieses Ziel noch wirklich konsequent verfolgten.

Von: Edwin Hertlein

Kategorie: Kreisverband, Piding