Offener Brief an Roland Richter zum Thema bay. Bildungssystem
Freilassing, 16.9.08
Herrn
Roland Richter
Salzburghofener Str. 1
83395 Freilassing
Sehr geehrter Herr Richter,
als Direktkandidat der CSU für die Landtagswahl machen Sie sich stark für das bayerische Bildungssystem.
Erstaunlicherweise besucht Ihr Sohn aber ein Gymnasium in Salzburg. Nach eigener Aussage entschieden Sie sich für eine Schule in Österreich, weil dort bereits seit Jahren Nachmittagsunterricht angeboten wird.
Dies wiederum ist eine der Hauptforderungen der Grünen in Bayern.
Womöglich hätten Sie mehr Verständnis für den Unmut der bayerischen Eltern, wenn Sie deren Erfahrungen teilen müssten. Permanenter Stundenausfall ist Alltag. Ein ganzes Semester ohne Chemieunterricht, weil der Lehrer krank ist, leider auch! Ihre Pressemitteilung in einer Lokalzeitung im Januar 2007 zusammen mit Kultusminister Schneider mit der frohen Botschaft, dass nach einem 1/2 Jahr nun endlich wieder Chemieunterricht stattfindet, erschien betroffenen Schülern wie Eltern geradezu als Hohn. Viel zu große Leistungs- und Grundkurse, Abiturnoten, die den Schülern 3 Tage später als an anderen Gymnasien bekannt gegeben werden, was 3 Tage weniger Zeit zum Lernen auf die freiwillige Zusatzprüfung bedeutet, Schüler die sich persönlich an Kultusminister Schneider um Hilfe wenden......, weder Eltern noch Schüler finden Gehör für ihre Nöte!
Es geht nicht nur um die mittlerweile weitgehend bekannten Missstände im G8. Vielmehr ist es so, dass auch die Schüler des G9 massive Nachteile hinnehmen müssen, damit das G8 irgendwie am laufen bleibt. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 16.9.08 zufolge sind an Bayerns Gymnasien bis zu ¼ der Lehrer nicht qualifizierte Aushilfslehrer. Nur so kann überhaupt noch Unterricht stattfinden!
Sie haben deshalb unser vollstes Verständnis dafür, für Ihr Kind eine womöglich bessere Alternative gewählt zu haben. Wir möchten Ihnen ausdrücklich unseren Respekt ausdrücken, dass Ihnen das Wohlergehen Ihres Kindes wichtiger ist, als politische Ambitionen. Jeder Politiker hat das Recht, Entscheidungen zum Wohle seines Kindes zu treffen.
Allerdings denken wir, dass Eltern, die im Vertrauen auf das bayerische Bildungssystem, ihre Kinder in Bayern zur Schule schicken, schon viel zu lange mit schönen Worten hingehalten werden. Wenn Sie Eltern und Schüler ernst nehmen würden, hätten Sie nämlich schon vor Jahren den Worten Taten folgen lassen müssen.
Wie Sie vermutlich wissen, verlässt jedes 10. Kind in Bayern die Schule ohne Abschluss! Uns beschäftigt deshalb vor allem der Gedanke: Was ist mit den bayerischen Kindern, deren Eltern nicht die Möglichkeit haben, sie auf eine Privatschule zu schicken?
Mit freundlichen Grüßen
GRÜNE/Bürgerliste Freilassing
1. Vorsitzende Marie-Luise Thierauf
Hofhamer Str. 15
83395 Freilassing
