05.11.2010, 08:33 Uhr

„Komplette Unfähigkeit der Politik, Akzente zu setzen“

„Green IT“ spart Energie und Rohstoffe – Grünen setzen auf Datenautobahn. „Das Berchtesgadener Land ist ein Riesenstandort“, urteilt Dr. Bartl Wimmer über seine Heimatregion. Natur, Kultur, Erholungswert, all das sei einmalig. Was fehlt sei der Draht zur Welt; sprich: die flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet. Die aber brauche es, will man ein attraktiver Wirtschaftsstandort sein. „Sonst“, so Wimmer, „fährt der Zug gnadenlos an uns vorbei.“

Bei ihrer Kreisversammlung haben sich die Grünen nicht nur mit den Vorteilen der Informations-Technologie beschäftigt. Der enorme Energieverbrauch ist inzwischen maßgeblich am CO2-Ausstoß beteiligt.

„In schnelles Internet zu investieren, wäre gescheiter als drei Millionen in die Bobbahn zu stecken“, kritisierte der Teisendorfer Gemeinderat Edwin Hertlein. „Und eine funktionierende Datenautobahn ist wichtiger als ein überdimensionierte Ausbau der A8“, ergänzte Dr. Bartl Wimmer. Der Grünen-Kreisrat vermisst qualifizierte Arbeitsplätze in der Region. Aus seinem Abiturjahrgang arbeite gerade mal noch einer im Landkreis. Dabei böten sich in den Zukunftstechnologien Riesenchancen; und man handle sich damit nicht die Probleme von Industriestandorten ein.

Wimmer kritisierte das Wirtschaftsleitbild des Landkreises, das „in kompletter Beliebigkeit absäuft“, anstatt sinnvolle Schwerpunkte zu setzen. Stichwort: Cluster-Bildung im Großraum Salzburg. „Wir haben hier die absolute Unfähigkeit der Politik, Akzente zu setzen“, lautet sein Urteil.

Wohnen und Arbeiten zusammenbringen wünscht sich auch Pidings dritter Bürgermeister Dr. Bernhard Zimmer. Weil sich damit auch Verkehr reduzieren ließe. „Durch Internet, mit Telefon- und Videokonferenzen kann ich Dienstreisen und Flüge vermeiden.“ Das Potential schätzt Bartl Wimmer auf 30 Prozent.

Allerdings ist auch die Informations-Technologie inzwischen ein wesentlicher Faktor der Umweltbelastung. Eine Suchanfrage bei Google verbraucht so viel Energie wie der Betrieb einer Sparlampe über eine Stunde. Die virtuelle Identität bei Second Life entspricht dem Jahresverbrauch eines Brasilianers. Insgesamt trägt das Internet inzwischen zur gleichen CO2-Emmission bei wie der weltweite Flugverkehr.

Die Explosion der Datenmengen sei unvorstellbar. Wimmers Firma, ein Labor mit etwa 5.000 Mitarbeitern, hantiere inzwischen mit zehn Terrabyte. Einen solchen Umfang hatte noch vor wenigen Jahren die Daten des amerikanischen Pentagons.

„Der damit entstehende Energieverbrauch und dessen Kosten sind für manche Firmen zu einer existentiellen Frage geworden“, weiß Wimmer. Er empfiehlt: „Weg von den Einzelrechnern; hin zu Rechenzentren.“ Der einzelne Mitarbeiter habe dann nur mehr eine abgespeckte Version an seinem Arbeitsplatz, mit weniger Hardware aber mehr Leistung. Das Einsparpotential insgesamt bei 2.000 Clientsystemen schätzt Wimmer auf bis zu einer Million Euro pro Jahr.

Damit freilich schafft man andere Probleme: Diese Großrechner lassen sich kaum mehr mit Luft kühlen, brauchen stattdessen Wasser. „Mit diesem Wasser heizen wir“, erklärte Wimmer das Konzept seiner Firma, „das spart Kosten und verringert die Umweltbelastung.“

Dabei hatten ihm Planer und Experten zunächst davon abgeraten. „Es fehlen dafür die Fachleute“, beklagte er seine Erfahrung. Einen solchen hatte er schließlich in Österreich gefunden und der Erfolg gibt beiden Recht: „Das amortisiert sich sehr rasch“, weiß Wimmer nun aus eigener Erfahrung. Und: das ist ein Thema nicht nur im Gewerbebau, sondern auch im Sektor Wohnen. „Das hat man bisher sträflich vernachlässigt“, meint er, „da wäre sehr viel mehr drin.“

Sehr viel drin steckt auch in den Geräten, die Jahr für Jahr weggeworfen werden. „Der Großteil davon landet im Hausmüll“. Wimmer fordert bessere Strukturen für ein Recycling. In Handys beispielsweise finde man 60 verschiedene Metalle; 6000 dieser Mobiltelefone ergäben eine Tonne Müll. Darin enthalten sind 3,5 Kilogramm Silber, 340 Gramm Gold, 140 Gramm Palladium und anderes mehr. „Der Rohstoffwert in dieser Tonne beträgt 15.000 bis 20.000 Dollar“ zitierte Wimmer aus einschlägigen Untersuchungen. Dazu komme, dass sich in diesem Abfall auch toxische Schwermetalle befinden. Mit zentralen Servern, wie in seiner Firma installiert, ließen sich auch Abfallmengen reduzieren. „Green IT“ nennen sich all die Maßnahmen und Konzepte, um mit Informations-Technologie und Kommunikation energiesparend und und umweltschonend umzugehen.

Von: höf
Kategorie: Kreisverband, Infrastruktur