07.04.2013, 18:02 Uhr

Grüne für Verkehrsvermeidung: Verkehrsprognosen kritisch betrachtet

Nach Ansicht des Grünen-Kreistagsfraktionsvorsitzenden Dr. Bartl Wimmer muss in der Verkehrspolitik die Verkehrsvermeidung einen höheren Stellenwert bekommen. Auf der jüngsten Sitzung der Grünen-Kreistagsfraktion äusserte Wimmer die Überzeugung, dass nur so das Energiewendeziel des Landkreises in Sachen Klimaschutz zu erreichen ist. Wie sich in den bisherigen Arbeitskreistreffen herausgestellt habe, werde es im Verkehrsbereich am schwierigsten sein, das Ziel eines 100-Prozentigen Umstiegs auf Erneuerbare Energien bis zum Jahr 2030 zu erreichen.

Im Bereich Strom sei man auf einem guten Weg, auch wenn hier noch grosse Anstrengungen unternommen werden müssten. Schwerer werde das Erreichen dieses Ziel im Bereich Wärme. Hier stehe man noch vor sehr grossen Herausforderungen. Nahezu unmöglich erscheine es derzeit, im Bereich Verkehr das ehrgeizige Ziel eines Umstiegs auf 100 Prozent Erneuerbare Energien zu schaffen. Deshalb müssten in diesem Bereich alle einzelnen Baustein noch einmal gründlich überprüft werden. Wichtig und richtig sei sicherlich das Primat, den ÖPNV zu stärken und Güterverkehre von der Strasse auf die Schiene zu verlagern. Auch ein stärkerer Ausbau der Elektromobilität könne einen wichtigen Beitrag leisten. All diese Massnahmen würden aber voraussichtlich nicht annähernd ausreichen, um das anvisierte Klimaziel zu erreichen. Deshalb müssten verstärkte Anstrengungen zur Verkehrsvermeidung unternommen werden. Wichtig sei dabei vor allem, die Trennung der Lebensbereiche zu überwinden und künftig mehr Mischgebiete auszuweisen. Auch die Schwächung der Ortszentren durch immer weitere Ausweisung von Einzelhandelsgrossprojekten auf der grünen Wiese müsse gestoppt werden.

Gerade solche Projekte, wie das in Teisendorf geplante Projekt Aventura, würden zusätzlichen Verkehr erzeugen. Wimmer sieht aber auch in den vielen geplanten Straßenbauprojekten in der Region Anreize für künftige Verkehrssteigerungen schlummern. Es müsse gelingen, endlich mit dem Schlagwort der Verkehrsvermeidung Ernst zu machen. Es sei nicht einzusehen, warum man in diesem Bereich nicht auch Einsparungen erzielen könne. Wimmer erinnerte an das Beispiel der Müllvermeidung. Hier sei es gelungen, im Vergleich zu den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts ein Einsparvolumen von um die 50 Prozent zu erzielen. Beim Energieverbrauch sei es immerhin gelungen, den noch vor Jahren prognostizierten Verbrauchsanstieg viel geringer ausfallen zu lassen. Experten gingen davon aus, dass beim Energiesparen noch große Erfolge zu erzielen seien. Deshalb könne er nicht verstehen, dass einige Verkehrsexperten immer nur Verkehrszuwächse prognostizierten und keine Vermeidungspotentiale sähen. Verkehrszuwächse seien kein Naturgesetz sondern letztlich von Menschen erzeugt. Eine Ursache für die Verkehrszuwächse der letzten Jahre sieht Wimmer im immer weiter ausgebauten Straßennetz in Deutschland. Es sei deshalb zu Fragen, ob die derzeit im Landkreis diskutierten Verkehrsprojekte nicht letztlich genau die Verkehrszuwächse erzeugten, die manch ein Verkehrsexperte vorhersage.

In diesem Zusammenhang kritisierte Wimmer die in Sachen Kirchholztunnel erstellten Verkehrsprognosen. Der Grünen-Chef wies darauf hin, dass der Verfasser dieser Prognosen, der Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Harald Kurzak, sich in der Vergangenheit schon einmal „ordentlich verhaut habe“. Und zwar bei der Berechnung der LKW-Verkehre, die nach einer Inbetriebnahme eines möglichen Containerterminals in Teisendorf zu erwarten wären. Gutachter Kurzak habe zunächst 640 LKW prognostiziert, die täglich zu einem Terminal Teisendorf rollen würden. Zwei Wochen später habe „der Gelehrte“ seine Zahlen dann auf 160 bis 180 LKW korrigiert. Für Wimmer liegt der Verdacht nahe, dass die korrigierten Zahlen auch etwas mit den Wünschen und Absichten der Auftraggeber zu tun haben könnten. Diese Terminalbefürworter hätten nämlich immer argumentiert, dass die Errichtung eines Terminals in Teisendorf nur zu einer mässigen Zunahme des LKW-Verkehrs führen würde. Da hätten die ursprünglichen viel höheren Zahlen einfach nicht „ins Konzept“ gepasst. Deshalb sei schon kritisch zu hinterfragen, ob es tatsächlich wie von den Befürwortern eines Kirchholztunnels angenommen in den nächsten Jahren zu einer rund 80-prozentigen Erhöhung der Verkehrszahlen auf der Umgehungsstrasse in Bad Reichenhall kommen werde. Umgekehrt könne eine solche Prognose ja auch Anlass sein darüber nachzudenken, wie ein solcher Zuwachs verhindert werden könnte.

Von: Edwin Hertlein
Kategorie: Kreisverband, Bartl Wimmer, Nachhaltigkeit, Umwelt, Infrastruktur