20.06.2004, 09:48 Uhr

Teisendorf sollte sich in Richtung Waging orientieren.

Die Teisendorfer Grünen sehen die touristische Zukunft der Marktgemeinde eher an der Seite der Tourismusregion Waginger See als im geplanten Tourismusdachverband Berchtesgadener Land. Grünen-Marktgemeinderat Peter Beisser äusserte auf der letzten Grünen-Ortsversammlung die Überzeugung, dass die Marktgemeinde von einer engeren Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden rund um den Waginger See mehr profitieren würde als durch die Mitgliedschaft in der neuen landkreisweiten Tourismusmarketinggesellschaft. Beisser begründete diese Haltung einerseits mit den Größenverhältnissen, andererseits mit den räumlichen Entfernungen. Mit seinen Übernachtungszahlen von rund 100.000 Übernachtungen pro Jahr wäre die Marktgemeinde im Rahmen der Tourismusgemeinden rund um den Waginger See hinter Waging selber der zweitgrößte Akteur. Gegenüber den Tourismusorten des Berchtesgadener Tales und der Kurstadt Bad Reichenhall sei Teisendorf aber „ein Zwerg“. Zwangsläufig müsse dabei der Einfluss gering bleiben. Ausserdem sei die räumliche Entfernung nach Berchtesgaden rund viermal so weit als zum Waginger See. Kritik übte Beisser auch an der Gesellschaftsform der neuen Dachmarketinggesellschaft. Er befürchte, dass auf diese Weise zuviel Geld in der internen Verwaltung „hängen“ bleibe und für echte Marketingmaßnahmen zu wenig finanzielle Mittel übrigblieben. Dass der Name Berchtesgaden im Tourismus heutzutage keineswegs mehr einen so klangvollen Namen habe, wie die Befürworter eines Beitritts zur neuen Gesellschaft immer wieder behaupteten, könne man an den zum Teil stark rückläufigen Übernachtungszahlen im Berchtesgadener Tal ablesen. Demgegenüber hätten die Übernachtungszahlen in Waging im letzten Jahr wieder stark zugelegt. Im weiteren Verlauf der Ortsversammlung gab der Tourismusfachmann Michael Drummer, Vorstandsmitglied der Kreis-Grünen, ebenfalls eine kritische Einschätzung zu den Chancen der neuen Tourismusgesellschaft. Er sei kein grundsätzlicher Gegner einer GmbH-Lösung. Allerdings sei die Entwicklung einer touristischen Dachmarke nicht unbedingt von der Gesellschaftsform einer GmbH abhängig. Andernorts gebe es genügend Beispiele für eine gute Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Tourismus, ohne dass für diese Zusammenarbeit die Form einer GmbH gewählt worden wäre. Bei einer GmbH müsse immer erst Geld in die Struktur investiert werden. Geld, das dann möglicherweise für konkrete Projekte fehle. Ausserdem hätten die fünf Gemeinden des Berchtesgadener Tales schon genügend leidvolle Erfahrungen mit nicht funktionierenden GmbH´s im touristischen Sektor sammeln müssen. So habe die in den 90er Jahren bestehende Reisebüro RBL GmbH einen Schuldenberg von 900.000 Mark angehäuft. Und auch die derzeitige Tourismus-GmbH Berchtesgaden habe wieder einen sechsstelligen Fehlbetrag „erwirtschaftet“. Im Moment sei noch fraglich, wie dieser Fehlbetrag ausgeglichen werden könne. Drummer störte sich aber auch an einem weiteren „Webfehler“ der neuen Tourismusgesellschaft. Anstatt die einzelnen Tourismusbüros in den Gemeinden direkt der neuen Gesellschaft zu unterstellen, blieben diese in der Obhut der Gemeinden. Damit seien Reibungsverluste in der täglichen Arbeit vorprogrammiert. Wenig überzeugend ist für Drummer auch das sogenannte „Fünf-Säulen-Modell“, an dem die Strategie der Tourismuswerbung in der neuen Gesellschaft ausgerichtet werden solle. Dieses Modell biete lediglich touristische Allgemeinplätze. Es sei eine beliebige Aneinanderreihung von touristischen Selbstverständlichkeiten. Bei einer Neuausrichtung der Tourismusstrategie im Landkreis komme es weniger auf Schlagworte an. Es müsse erkannt werden, dass Marketing mehr als nur Werbung sei. Er habe häufig erlebt, dass in diesem Bereich mit viel Aktionismus und wenig Konsequenz gearbeitet werde. Für den Erfolg eines durchdachten Tourismuskonzeptes sei nicht die Zahl der Messebesuche entscheidend. Vielmehr müsse ein solches Konzept nach gründlicher Analyse strategisch geplant, umgesetzt und immer wieder auf seinen Erfolg hin überprüft werden. Grünen-Marktgemeinderat Edwin Hertlein äusserte zum Schluss der Ortsversammlung die Befürchtung, dass der Beitritt Teisendorf´s zur neuen Tourismus-GmbH die Marktgemeinde viel Geld kosten werde, ohne dass dem ein halbwegs erkennbarer Nutzen gegenüber stehen werde. Auch könne die Marktgemeinde in der neuen Struktur nicht mehr wie bisher zielgerichtet in einzelne Werbemaßnahmen investieren.

Von: Edwin Hertlein

Diskutierten auf der letzten Grünen-Ortsversammlung das Thema Tourismus: Tourismusexperte Michael Drummer, Marktgemeinderat Peter Beisser, und Wolfgang Quäschling vom Fremdenverkehrsverein Neukirchener (von rechts nach links).

Kategorie: Kreisverband