13.04.2011, 16:27 Uhr

Eine Reise in die Todeszone

Zwei Grüne reisen nach Tschernobyl – Weiterhin Gefahr durch den Reaktor. Die Zukunft sollte strahlend sein in der ehemaligen Sowjetunion. Die Musterstadt Pripjat entstand neben einem MusterkraftwerkTschernobyl, wo dereinst zehn Kraftwerksblöcke Energie liefern sollten. Dazu kam es nicht mehr. Am 26. April 1986 explodierte Block 4 der Atomkraftanlage mit dramatischen Folgen für die Menschen in dieser Region und darüber hinaus. Antje Wagner und Markus Büchler, Landtags- und Bundestagsmitarbeiter der Grünen-Fraktion reisten 25 Jahre nach der Katastrophe dorthin und berichteten im Laufener Kapuzinerhof über ihre Erlebnisse. „Nie wieder Tschernobyl. Eine Reise in den Supergau“, haben sie ihren Bildervortrag betitelt.

„Diese Veranstaltung haben wir lange vor Fukushima geplant“, sagte Grünen-Kreisvorsitzender und 2. Bürgermeister Franz Eder, „25 Jahre nach Tschernobyl hat uns nun erneut eine schreckliche Realität erreicht.“ Parallelen zwischen den Ereignissen von 1986 und 2011 seien durchaus vorhanden, meint Markus Büchler.

Die beiden Referenten hatte Archivmaterial zusammen geschnitten, Bilder und Filmsequenzen ab 1970. In diesem Jahr begann der Bau der Stadt Pripjat, die zum Zeitpunkt der Katastrophe 50.000 Einwohner hatte, und der Bau der ersten Kraftwerksblöcke. Ein großer Vergnügungspark entstand, der zum 1. Mai 1986 eröffnet werden sollte. Doch Riesenrad, Autoscooter und Schiffsschaukel sollten sich nie in Bewegung setzen.

Eine Reihe von Fehlern, Irrtümern und übereifrige Mitarbeiter waren ursächlich für die Katastrophe, für die Explosion von Block 4. Videosequenzen zeigen die beginnenden Lösch- und Aufräumarbeiten. Erste und wichtigste Aufgabe war, den Graphitbrand zu löschen, dessen hochradioaktive Rauchfahne ganz Europa bedrohte. Mit Hubschraubern hat man Blei, Sand und Dolomit auf den 3000 Grad heißen Reaktorkern abgeworfen. Weitere Gefahr: vergleichbar einem Lavastromes hätte das Material der Kernschmelze ins Grundwasser fließen können und eine Wasserstoffexplosion in der Größenordnung der Hiroshima-Bombe verursachen. „Dann wären auch die anderen drei Reaktoren in die Luft geflogen“, hat Büchler keinen Zweifel. 800.000 sogenannte Liquidatoren waren damals im Einsatz, darunter zahlreiche Freiwillige. Am Reaktor selbst durften die Helfer lediglich 40 Sekunden arbeiten, um die Strahlenbelastung auf eine definierte Lebensdosis zu beschränken. Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Todesfällen aus.

Die Bevölkerung hat man Tage später mit 1.200 Bussen evakuiert, 300.000 Menschen mussten ihre Heimat für immer verlassen. Häuser wurden eingerissen und vergraben, Brunnen zugeschüttet. Das Gebiet darf nur mit fachkundigen Führern betreten werden, es ist verboten Sachen wie Fototaschen am Boden abzustellen.

„Die Zahl der Missbildungen bei Kindern ist in der Gesamtregion deutlich überdurchschnittlich“, berichtet Antje Wagner, „Krebsfälle und psychosomatischen Erkrankungen sind eklatant angestiegen.“ Die Halsnarbe nach einer Schilddrüsenkrebs-Operation nennen die Ukrainer inzwischen „Tschernobyl-Collier“.

Dort wo vor 25 Jahren Dörfer standen, ist heute Wald. Die Natur erobert sich die 30-Kilometer Sperrzone zurück, überwuchert Straßen und Plätze; Birken wachsen durch das  Pflaster der Hotelbalkone. Es haben sich große Tierpopulationen entwickelt: Wölfe, Luchse und Elche durchstreifen die Todeszone, die seltenen Przewalski-Pferde grasen auf den Flächen. „Wir wissen nicht, wie die Strahlung auf die Tiere wirkt“, sagt Markus Büchler, bei Vögeln jedoch habe man bereits eine verringerte Gehirnmasse festgestellt.

Die beiden Referenten führen die Besucher durch die Stadt Pripjat, vorbei am Vergnügungspark dieser Retortenstadt. Wie ein Mahnmal steht das Riesenrad, bis es irgendwann vom Rost zerfressen zusammenfällt.

Die traurigsten Orte des visuellen Rundgangs sind die Schule und der Kindergarten. „Schützen wir unsere heimatliche Natur“, steht auf einer roten Fahne, die im Staub liegt. In der Aula liegt ein Meer an Kindergasmasken. Puppen und Kuscheltiere sind spielbereit, dürfen aber nicht berührt werden. „Was ist aus diesen Kindern geworden?“, fragt Antje Wagner. Genaue Zahlen gibt es nicht, da die Bewohner in alle Teile der damaligen Sowjetunion verzogen sind. Die beiden Referenten mussten die Sperrzone recht abrupt verlassen, weil Wolfsalarm gegeben worden war. Ihre Strahlenbelastung hat man beim Verlassen geprüft; die Dosis erwies sich als unbedenklich. Kleidung und Schuhe aber haben beide vor der Heimreise zum Müll geworfen.

Der Beton- Sarkopharg um den Meiler ist inzwischen brüchig und löchrig. Eine Milliarde hat die EU für einen neues bereitgestellt. „Geschehen aber ist bislang nichts“, weiß Büchler.

Dass bei uns ähnliches wie in Tschernobyl und Fukushima nicht passieren könne, glauben die beiden Grünen-Mitarbeiter nicht. „Isar 1 und 2 liegt in der Einflugschneise des Münchner Flughafens. Ein Absturz hätte katastrophale Auswirkungen.“ Es gebe nirgends auf der Welt ein Endlager für radioaktiven Abfall, betont Wagner. „Und Asse ist ein Vier-Milliarden-Saustall“, schimpft Büchler. Uran sei längst ausgebeutet; um weiteres zu fördern, würden immer größere Landstriche verwüstet, mit dramatischen Folgen für die meist indigene Bevölkerung. „Wir spielen russisches Roulette mit unserer Sicherheit“, ist Büchler überzeugt.

Den Kraftwerks-Komplex in Tschernobyl hat man damals nach Wladimir Iljitsch Lenin benannt. Dort prangt immer noch eine große Tafel mit dem bekannten Zitat des Revolutionsführers: „Lernt, lernt, lernt.“

Von: Höfer

Warnen gemeinsam vor einer „strahlenden Zukunft“ (von links): Grünen-Stadtrat Georg Linner, Antje Wagner, Markus Büchler und Franz Eder. Foto: Hannes Höfer

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