12.08.2008, 15:00 Uhr

„Atmende Infrastruktur“ statt sechspurigem Ausbau?

Grüne fordern Alternative zum sechsspurigen Ausbau der A 8: Die Grünen haben ihre skeptische Haltung zum durchgehenden sechsspurigen Ausbau der A 8 zwischen Inntaldreieck und österreichischer Grenze bekräftigt. Auf einer Informationsveranstaltung der Ökopartei erläuterten Landeschef Sepp Daxenberger und die Vorsitzenden der Grünen-Kreistagsfraktionen in Traunstein und dem Berchtesgadener Land, Sepp Hohlweger und Dr. Bartl Wimmer, ihre inhaltliche Position zum Thema.

Nach Ansicht von Sepp Daxenberger müssten in der Verkehrspolitik die Prioritäten neu justiert werden. An erster Stelle sollten Maßnahmen der Verkehrsvermeidung und zur Verlagerung der Verkehrsströme auf öffentliche Verkehrsträger beziehungsweise von der Straße auf die Schiene stehen. Es sei die Frage zu stellen, ob es sinnvoll sei, Güter über viele Produktionsschritte hinweg ständig auf der Straße von einem Verarbeitungsschritt zum nächsten zu transportieren, bis sie schließlich oft nach einer wahren Odyssee beim Verbraucher landeten. Seiner Meinung nach sei der Ausbau der A 8 in der bislang favorisierten Form als sechsspuriger Vollausbau nicht notwendig. Ein durchgehendes Tempolimit und die Einführung eines Überholverbotes für LKW würden die Staugefahr auf dieser Strecke deutlich minimieren. Sepp Hohlweger ging in seinem Eröffnungsreferat auf die Geschichte der A 8 ein. Diese sei in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Rekordbauzeit von rund drei Jahren errichtet worden. Für den durchgehenden sechsspurigen Ausbau werde eine Bauzeit von rund neun Jahren veranschlagt. Allein diese deutliche längere Bauzeit zeige, dass das Ausbauprojekt wesentlich mehr in die Landschaft eingreifen werde, als die bisherige Autobahn. Hohlweger kritisierte die Planungsgrundlagen für die derzeitigen Ausbaupläne. So seien die Verkehrsprognosen im Jahr 2003 auf der Basis eines Ölpreises von 30 Dollar pro Barrel erstellt worden. Seiner Meinung nach sei davon auszugehen, dass sich unter den explodierenden Spritpreisen die Verkehrsentwicklung deutlich anders gestalten werde, als noch vor wenigen Jahren angenommen. Er rechne eher mit einer Abnahme des Verkehrs. Hohlweger bezeichnete es als eine Illusion zu glauben, dass eine sechsspurige Autobahn mit Lärmschutzmaßnahmen für die Anwohner zu weniger Lärmbelastung führen würde. Bei einem sechsspurigen Ausbau würden die Tempolimits fallen. „Das wird eine Hochgeschwindigkeitsstrecke“, so Hohlweger. An vielen Stellen könne man keine Lärmschutzwälle errichten, sondern müsse mit Schallschutzwänden arbeiten. Die betroffenen Orte würden regelrecht zerschnitten. Da durch den Ausbau sich an vielen Stellen die Kurvenradien und die Steigungen verändern müssten, ergäben sich weitere gravierende Eingriffe in die Landschaft. Die Autobahntrasse würde bei einem durchgehenden sechsspurigen Ausbau mit Standspur doppelt so breit wie die bisherige Trasse. Es würden 150 Hektar Grund benötigt. Für die Tourismusregionen Chiemgau und Berchtesgadener Land sei das eine Katastrophe. Die Belastungen in der Ausbauphase wären für die Anliegergemeinden enorm. Deshalb setze er auf einen angepassten Ausbau durch eine „atmende“ Infrastruktur. Damit meinte Hohlweger den Bau einer durchgehenden Standspur, die bei Bedarf für den Verkehr freigegeben werde. Eine solche „atmende“ Autobahn sei beim Autobahnring um München verwirklicht worden. Eine solche Lösung sei deutlich billiger in Bau- und Unterhaltskosten und wesentlich landschaftsverträglicher. Auch Hohlweger sprach sich für ein durchgängiges Tempolimit und ein LKW-Überholverbot aus und wies darauf hin, dass eine Autobahn bei einer Durchschnittgeschwindigkeit zwischen 80 und 120 Stundenkilometern ihr Kapazitätsoptimum habe. Auch Dr. Bartl Wimmer monierte die Verkehrsprognosen, auf deren Grundlage die Planungen zum Ausbau der A 8 durchgeführt werden. Neben den steigenden Energiepreisen, welche die Transporte auf absehbare Zeit deutlich verteuern würden, verwies Dr. Wimmer noch auf die Bevölkerungsentwicklung hin. Sinkende Bevölkerungszahlen würden zu weniger Verkehr führen. Die Krise der amerikanischen Automobilindustrie zeige außerdem anschaulich, was passiere, wenn man sich nicht rechtzeitig auf veränderte Rahmenbedingungen einstelle. Die Grünen hätten jahrzehntelang vor der Entwicklung sich verknappender Rohstoffe, gerade beim Erdöl, gewarnt. Heute zeige sich, das diese Warnungen berechtigt gewesen wären. Wer trotz der geänderten Rahmenbedingungen immer noch am sechsspurigen Ausbau der A 8 festhalte, mache einen schweren Fehler. Auch Dr. Wimmer erinnerte an die zentrale Bedeutung einer intakten Kulturlandschaft für die Tourismuswirtschaft. Angers Bürgermeister Silvester Enzinger setzte sich in einem Diskussionsbeitrag vehement für einen besseren Lärmschutz in seinem Gemeindegebiet ein. Hier sei ein optimaler Schutz für die Bevölkerung nötig. Enzinger machte sich für die Verwendung von sogenanntem Flüsterasphalt stark. Der bringe eine Halbierung der Lärmbelästigung. Zu Beginn der Veranstaltung hatte Grünen-Landtagskandidat Sepp Daxenberger noch einige Gedanken zur Landtagswahl geäußert. Er habe sich nach 12 Jahren als Bürgermeister in Waging dazu entschlossen, seinen Bürgermeisterposten aufzugeben und für den Landtag zu kandidieren. Nicht weil er befürchtet habe, von den Wagingern nicht wiedergewählt zu werden. Er glaube, dass die 12 Jahre seiner Amtszeit gute Jahre für Waging gewesen wären. Er habe aber so rechtzeitig aufhören wollen, dass die Gemeindebürger sagen könnten: „Schad`, das´d aufhörst“ als dass er so lange im Amt geblieben wäre, bis die Bürger gesagt hätten: „Guad, das´d weider bist“. Als er vor 27 Jahren zu den Grünen gekommen sei, wäre sein wichtigster Leitspruch gewesen: „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt.“ Dieser Leitspruch gelte für ihn noch immer. Die Grünen wären früher oft für das Anpacken inhaltliche Themen ausgelacht worden. Viele dieser Themen wären heute mehrheitsfähig. Als Beispiele nannte Daxenberger die Energiewende, die Gentechnik in der Landwirtschaft und die Bildungspolitik. Die Zeit für eine Ablösung der CSU sei reif. 46 Jahre Alleinregierung wären genug. Merkmale für den Abnutzungsprozeß der CSU seien die vielen Fehler, die ihr gerade in den letzten beiden Jahren bei Themen wie Landesbank, Büchergeld, oder G 8 unterlaufen sei. Er hoffe darauf, das Direktmandat im Stimmkreis Berchtesgadener Land holen zu können. Das wäre dann ähnlich spektakulär wie seine Wahl zum Bürgermeister in Waging.

Kategorie: Kreisverband