03.10.2004, 18:08 Uhr

Reinhold Messner auf der Stubenalm

Der Grünen-Europaabgeordnete Reinhold Messner setzt sich für einen Umbau der Agrarsubventionen ein. Anläßlich einer Almbegehung in Berchtesgaden zu den Themen Perspektiven der Almwirtschaft, Direktvermarktung, Biospährenreservat, sowie Landwirtschaft und Tourismus erinnert der Südtiroler an die unsinnige gegenwärtige Subventionspraxis.

20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe erhielten 80 Prozent der EU-Agrarförderung. Daher seien die Vorschläge von EU-Kommissar Fischler zu einer Kürzung der Direktsubventionen und einer Umleitung in Richtung Stärkung des ländlichen Raums sehr zu begrüßen. Dieser Ansatz käme den Bergbauern sehr entgegen. Auf der Stubenalm am Fuße des Watzmanns stellte der „Bergbauer“ und Bergsteiger Meßner den anwesenden Bauernvertretern und Politikern, unter ihnen unter anderem Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger, Sebastian Brandner vom Verein zum Erhalt der Berglandwirtschaft, Grünen-Landeschefin Margarete Bause und Grünen-Bundestagskandidat Winfried Köpnick, seine Überlegungen zur Zukunft der Berglandwirtschaft vor. Demnach sollten in erster Linie die kleinen Betriebe gefördert werden und eine Extensivierung der Bewirtschaftung. Es müsse klar werden, dass zum Erhalt der Alpen als Kulturlandschaft in ihrer derzeitigen Gestalt eine kleinstrukturierte Landwirtschaft die entscheidende Voraussetzung sei. Erst der Bauer als Landschaftspfleger schaffe die Voraussetzung für die touristische Nutzung. Würden die Alpen sich selber überlassen, setze unweigerlich eine Verkarstung ein. Messner machte allerdings klar, das die Politik nur den Rahmen setzen könne. Die Bauern müßten auch selber durch Kreativität und Initiativen dazu beitragen, ihre wirtschaftliche Situation wieder zu verbessern. Meßner stellte als Beispiel seine Aktivitäten als Bergbauer vor. Er habe vor zehn Jahren seinen ersten Bauernhof in einem kleinen Dorf gekauft. Damals sei die Landwirtschaft in diesem Dorf darnieder gelegen, die insgesamt sieben Höfe wären vor dem aus gestanden. Nachdem er selber seinen Hof mit vielen Ideen wieder auf Vordermann gebracht und ein positives Beispiel gegeben habe, wären nach und nach auch die anderen Höfe wieder bewirtschaftet worden. Wichtig sei es, eine Art Netzwerk zwischen einzelnen Bauernhöfen aufzubauen, um sich bei der Produktpalette gegenseitig zu unterstützen. Als einen Schlüssel zum Erfolg bezeichnete es Messner, den Vertrieb und die Vermarktung der Produkte wieder zurück in Bauernhand zu bekommen. Haimo Grassl, Bergbauer aus der Ramsau und Obmann der Kallbrunnalm, berichtete seinen Bemühungen um den Aufbau einer eigenen „Käseproduktlinie“. Im letzten Jahr sei begonnen worden, mit Hilfe einer mobilen Käserei einen Teil der Milch der insgesamt 154 Milchkühe auf der Kallbrunnalm zu verkäsen. Zunächst sei die Skepsis unter den 30 Bauern der Alm groß gewesen. Als man zum Start des Projektes zunächst 75 Laib Käse habe herstellen lassen, sei die Skepsis, ob sich diese Menge werde absetzen lassen, zunächst groß gewesen. Aber schon innerhalb von 10 Tagen habe man alle 75 Laib verkaufen können. In diesem Jahr wären nun 14.000 Liter Milch zu Käse verarbeitet worden. Das ist die Milchmenge der 154 Kühe von zehn Tagen. Grassl könnte sich vorstellen, im Endausbau des Projektes pro Jahr 14 Tonnen Käse oder 1400 bis 1550 Laib herzustellen. Der Almkäse, ein Bergtilsiter, ist rund sechs Monate lagerfähig. Abgesetzt wird der Käse ausschließlich über Direktvermarktung. Zur weiteren Ergänzung der neuen Vermarktungsrichtung hat Grassl die Idee, eine Schaukäserei errichten zu lassen. Solche Projekte würden unter den von Fischler geplanten Strukturfond fallen. Aber möglicherweise bekommt Grassl auch aus anderer Richtung Unterstützung. Sepp Hohlweger vom Verein Region aktiv, einem der Sieger des von Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast durchgeführten Wettbewerbes „Regionen aktiv – Land gestaltet Zukunft“ stellte jedenfalls eine Unterstützung durch seinen Verein in Aussicht. Hohlweger meinte, das Projekt sei im Hinblick auf eine Stärkung der bäuerlichen Vertriebswege über Direktvermarktung sehr interessant. Dadurch werde Milch vom normalen Milchmarkt genommen und ein hochwertiges Produkt erzeugt. Hohlweger beklagte sich allerdings, dass sinnvolle Projekte oft nicht zustande kämen, weil viele Bauern unternehmerische Risiko scheuten. Auch Reinhold Meßner zeigte sich von dem Almkäseprojekt angetan. Er sei vom Erfolg des Projektes überzeugt. Weiter führte Meßner aus, dass die Berglandwirtschaft nicht mit der Landwirtschaft in den Ebenen konkurrieren könne. Der Versuch, die Landwirtschaft als Ganzes in den weltweiten Konkurrenzkampf zu treiben, sei falsch. Es sei unsinnig, die Landwirtschaft in Richtung Massenproduktion zu subventionieren. Grünen-Bundestagskandidat Winfried Köpnick kritisierte, dass gerade der Bauernverband und die Bayerische Staatsregierung sich vehement gegen die Umstrukturierung der Förderpolitik zugunsten der kleinen und mittleren Betriebe mit Hilfe der sogenannten Modulation zur Wehr setzten. Damit schadeten beide gerade der bäuerlichen Landwirtschaft in Bayern und letztlich ach dem Verbraucher. Ein weiteres Thema bei dem Gesprächstermin in der Stubenalm war der heiß diskutierte Dauerbrenner Biosphärenreservat. Köpnick stellte klar, dass mit dem Prädikat Biosphärenreservat keine neuen Schutzbestimmungen verbunden wären. Es sehe durch dieses Prädikat allerdings Chancen für den Tourismus. Gleichwohl räumte der Kreisrat ein, dass von Behördenseite in den nunmehr zehn Jahren dauernden Auseinandersetzung viele Fehler gemacht worden wären. Köpnick setzte sich dafür ein, baldmöglichst einen Neuanfang zu wagen. Die meisten der anwesenden Bauernvertreter blieben allerdings skeptisch. Vor allem Martin Fendt zeigte sich ablehnend und verwies auf die zahlreichen Einschränkungen durch Landschaftsschutzgebietsverordnungen. Vor dem Aufstieg zur Stubenalm hatte die Besuchergruppe den Schafzuchtbetrieb von Josef Aschauer auf dem Wimbachlehen besichtigt. Der Betrieb ist mit 4 Hektar Wiesen und 5 Hektar Waldweidefläche ein typischer kleiner Bergbauernbetrieb. 60 Schafe, darunter rund 25 Mutterschafe, gehören zu dem Schafzuchtbetrieb. Die Vermarktung erfolgt ausschließlich über den Hofladen unmittelbar in Nähe der Wimbachklamm. 90 Prozent der Kunden sind Touristen.

Kategorie: Nachhaltigkeit